Presse
Pressebericht zum Theaterstück "Aus dem Leben des Salim" in den Erlanger Nachrichten vom 29.03.2010
Perspektivlosigkeit in der Gemeinschaftsunterkunft
Die angespannte Situation in den Gemeinschaftsunterkünften der Asylbewerber als Theaterstück
ERLANGEN - Seltener Einblick in das Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU): Asylbewerber und Studenten aus Würzburg haben bei einer Theateraufführung im Club International der Volkshochschule die angespannte Situation von Flüchtlingen greifbar gemacht.
Abdalla S. (Name geändert) ist verzweifelt: Er hat ein Schreiben bekommen, das er nicht versteht. Nun erhofft sich der Afrikaner Hilfe von seinem Mitbewohner, der schon vier Jahre in Deutschland lebt. Aber Jamal M. (Name geändert) will vor allem eines: Abdalla aus dem Zimmer haben, um seine neue Freundin zu empfangen. So beginnt das explosive Schauspiel »Aus dem Leben des Salim«, das sich um den Alltag in einer Unterkunft für Asylbewerber genauso dreht wie um mögliche Übertragungswege der Immunschwächekrankheit Aids.
»Das Stück ist im vergangenen Herbst in Folge eines Aufrufs der Caritas zur HIV-Prävention entstanden«, erklärt Dorothea Isele, die Psychologie im neunten Semester studiert und sich seit zweieinhalb Jahren im Arbeitskreis »Asyl« der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Würzburg engagiert. »Eigentlich sollte der Fokus auf Menschen aus Afrika liegen, wir fanden das aber irgendwie rassistisch«, erinnert sich Mitstreiterin Hannah Förster. Deshalb hätten sie gemeinsam mit Asylbewerbern eine Handlung entwickelt, die Zuschauer aller Nationalitäten ansprechen sollte und in die viele Erfahrungen aus der GU eingeflossen seien.
Die halbstündige Darbietung des Quartetts im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Erlangen war alles andere als selbstverständlich, dürfen Asylbewerber ihre Stadt doch nur mit Genehmigung verlassen. »Wir haben unsere Zeit nicht in der Hand«, sagt Abdalla, der sehr gut Deutsch spricht. »Aber wir versuchen, die wenigen Möglichkeiten, die wir haben, zu nutzen.« Im November vergangenen Jahres war ein geplanter Besuch bei hiesigen Studenten noch abgeschmettert worden, dieses Mal durften die beiden Afrikaner auf Drängen von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß für wenige Stunden Würzburg verlassen.
Dank ihrer grandiosen Körpersprache brauchen der Äthiopier und der Sudanese nur wenige deutsche sowie englische Worte, um ihre fiktive Geschichte zu erzählen. »Everything problem«, ruft Jamal, schlägt mit den flachen Händen mehrfach auf den Tisch und springt auf, nachdem seine Freundin Sex ohne Kondom abgelehnt hat und der Streit mit seinem Zimmergenossen eskaliert ist.
Ehe Abdalla, dem der anfangs zugestellte Befund zwei schlaflose Nächte bereitet hat, auf der Bühne zusammenbricht, zieht er ein dramatisches Resümee: »HIV-positiv. Weit weg von Zuhause. Keine Perspektive. Alles ist verloren.« Deutschland erscheine vielen Menschen auf dem von Bürgerkriegen, Diktaturen und Hunger geplagten afrikanischen Kontinent als »Licht am Ende des Tunnels«, wie Abdalla im Anschluss an die Aufführung schildert.
Unter Lebensgefahr
»Wenn die Not in unserer Heimat nicht so groß wäre, würden wir unser Leben nicht bei der Flucht aufs Spiel setzen«, betont der junge Mann. »Dann kommt man hier an, stößt auf eine Mauer und wird auf HIV getestet, ohne vorher gefragt zu werden.« Obwohl in der Gemeinschaftsunterkunft Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen lebten, viele zum Beispiel gut musizieren könnten oder handwerklich begabt seien, gäbe es kaum Raum, dieses Potenzial zu nutzen, bedauert Abdalla. Umso wichtiger findet er den Einsatz der KHG.
Die Theatergruppe lässt ein bewegtes Publikum zurück. »Mir kamen die Tränen«, gesteht eine Zuschauerin. Der Vorsitzende des Ausländer- und Integrationsbeirates, José Luis Ortega, ist begeistert: »Die Qualität der Arbeit ist fantastisch, die Botschaft sehr wichtig«, lobt er die vom Dritte-Welt-Laden und der Save-Me-Kampagne angestoßene Veranstaltung.
Astrid Menhardt
29.3.2010
Quelle: http://www.erlanger-nachrichten.de/artikel.asp?art=1198101&kat=19&man=12
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